„Erklärung von Rabat“ zu den deutsch-marokkanischen Beziehungen

Hier die Erklärung von Rabat im ganzen Wortlaut:

 „Erklärung von Rabat” 12. September 2013 
Der Außenminister des Königreichs Marokko, Saad Dine El Otmani, und der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Guido Westerwelle, heben die außergewöhnliche Qua- lität und Tiefe der langjährigen Beziehungen zwischen Marokko und Deutschland hervor. 
Die Minister nehmen mit Genugtuung den Stand der intensiven bilateralen Zusammenarbeit, der Zusammenarbeit in regionalen und globalen Fragen und der Partnerschaft auf allen rele- vanten Gebieten auf der Grundlage gemeinsamer Interessen und Werte zur Kenntnis. 
Die deutsche Seite begrüßt die wichtige Rolle, die Marokko in Bezug auf Stabilität, Sicherheit und nachhaltige Entwicklung in der Region Nordafrika spielt. 
Die deutsche Seite begrüßt die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Re- formen und Initiativen, die Seine Majestät König Mohammed VI. durchgeführt hat. 
1. Die Minister bekunden ihre Entschlossenheit, die deutsch-marokkanischen Beziehungen weiter zu vertiefen und die Zusammenarbeit in regionalen und globalen Fragen zu intensivie- ren. 
2. Sie haben sich darauf verständigt , jedes zweite Jahr Konsultationen über bilaterale, re- gionale und globale Themen unter Federführung der Außenminister oder ihrer Stellver- treter durchzuführen , die abwechselnd in Rabat und Berlin stattfinden und auf Ebene der hohen Beamten vorbereitet werden. 
Bilaterale Beziehungen 
3. Der beiderseitige Wunsch der Minister, die bilateralen Beziehungen zu vertiefen, fußt auf dem Willen, den politischen Dialog und die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen, die persönlichen Kontakte zwischen den Menschen unserer beider Länder auszubauen sowie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und verantwortungsbewusstes staatliches Handeln zu stärken , Marktwirtschaft und die Bekämpfung von Armut und Analphabetentum zu fördern sowie nachhaltige Entwicklung herbeizuführen. 

4. Die deutsche Seite bestätigt ihre Bereitschaft, Expertise anzubieten und Partnerschaftspro- jekte zu politischen, sozio-ökonomischen und institutionellen Reformen in den Bereichen Demokratie und Zivilgesellschaft, Menschenrechte und verantwortungsbewusstes staatliches Handeln auszubauen.  
5. In diesem Zusammenhang wird die Zusammenarbeit zwischen unseren Zivilgesellschaf- ten und nichtstaatlichen Organisationen intensiviert . Die Minister erkennen die wertvolle Rolle der deutschen politischen Stiftungen an , die unter anderem Expertise im Bereich Verfassungsreform und Stärkung der lokalen Verwaltung im Zusammenhang mit der in der neuen Verfassung verankerten erweiterten Regionalisierung anbieten. 
6. Deutschland bekräftigt seine Unterstützung für die laufenden Verhandlungen, die die Ver- einten Nationen mit dem Ziel führen, eine friedliche, tragfähige und einvernehmlich ver- einbarte politische Lösung für den Westsahara-Konflikt zu finden. Beide Seiten nehmen zur Kenntnis, dass der VN-Sicherheitsrat die Bemühungen Marokkos, den Prozess hin zu ei- ner Lösung voranzubringen, als seriös und glaubwürdig beschrieben hat. 
7. Die Minister kommen überein, dass die jeweiligen Außenministerien Bereiche der Zusam- menarbeit benennen und Projekte zur Unterstützung des demokratischen Reformprozes- ses in Marokko mit dem Ziel ausarbeiten werden, diese Projekte im Jahr 2014 zu verwirkli- chen. 
8. Parlamentarische Kontakte spielen bei der Stärkung der bilateralen Beziehungen eine sehr wichtige Rolle. Die Minister begrüßen den Besuch des Präsidenten des Deutschen Bun- destags im Februar 2013. Die Minister sind überzeugt, dass die Einrichtung eines gemein- samen parlamentarischen Forums maßgeblich dazu beitragen würde, die Völker einander näher zu bringen, das gegenseitige Verständnis zu vertiefen und in Fragen von gemeinsamem Interesse Übereinstimmung zu erzielen.  
9. Die Minister unterstreichen, wie wichtig bestehende Kooperationsmechanismen wie die zwischenstaatlichen Verhandlungen über die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit und die Gemeinsame Bilaterale Wirtschaftskommission sind, um einen weiteren Beitrag zur Nutzung des Potenzials in den Bereichen Handel und Investitionen auf den Gebieten erneuerbare Ener- gie, Tourismus, Agrarwirtschaft, Elektronik, Maschinenbau, medizinische Geräte, Automobil- sowie Luft- und Raumfahrtindustrie zu leisten. 

10. Die Minister erneuern ihr Bekenntnis zur weiteren Zusammenarbeit im Bereich der Energie , die als wesentliches Element der bilateralen Beziehungen gilt. Unter Hinweis auf die 2012 begründete deutsch-marokkanische Energiepartnerschaft bekräftigen sie ihre Bereit- schaft, auf diesem Gebiet und insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien sowie bei der Entwicklung einschlägiger Technologien und von Stromverbundnetzen mit dem Ziel zu- sammenzuarbeiten, den Stromhandel zwischen Marokko und Deutschland sowie mit an- deren europäischen Ländern zu fördern. 
10 a. Die deutsche Seite bringt ihre Unterstützung für die Integration der marokkanischen und europäischen Strom- und Gasmärkte und -netze zum Ausdruck. 
10 b. Beide Seiten kommen überein, den rechtlichen und finanziellen Rahmen weiter zu ent- wickeln, der notwendig ist, um es interessierten EU-Mitgliedstaaten und Marokko zu ermög- lichen, gemeinsame Projekte zu entwickeln, mit denen Strom aus erneuerbaren Energieträgern über bestehende Verbindungen zwischen Marokko und Spanien nach Europa exportiert wird. 
11. Die Minister nehmen mit großer Genugtuung die ausgezeichnete bilaterale Zusammenar- beit auf dem Gebiet des Hochschulwesens und des akademischen Austauschs zur Kenntnis und beschließen gemeinsam, Mittel und Wege zur weiteren Intensivierung ihrer Zusammen- arbeit zu sondieren, insbesondere durch die Verstärkung des Deutschunterrichts in Ma- rokko . Sie befürworten eine weitere Zusammenarbeit der Hochschulen auf dem Gebiet der angewandten Wissenschaften, insbesondere bei erneuerbaren Energien. In Bezug auf die be- rufliche Bildung und Weiterbildung ermutigen die Minister die beteiligten Akteure, insbeson- dere den Privatsektor, neue Formen der Zusammenarbeit zu sondieren, sich über bewährte Verfahren auszutauschen und sich gegenseitig Erfahrungen mit der Aufstellung von Lehrplä- nen und der Ausbildung mitzuteilen. 
12. Die marokkanische Seite äußert den Wunsch, dass die deutsche Seite die Verfahren für die Mobilität und den Aufenthalt marokkanischer Studenten während ihres Studiums erleichtert und die Möglichkeit einer Senkung der Gebühren an deutschen Hochschulen prüft. 
13. Beide Seiten kommen überein, Mittel und Wege der Zusammenarbeit zwischen den Diplomatenakademien der Außenministerien zu sondieren. 
14. Die Minister würdigen die ausgezeichnete bilaterale kulturelle Zusammenarbeit auf der Grundlage eines soliden Netzwerks von Partnern, beispielsweise des Goethe-Instituts, des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) und des Deutschen Archäologischen Instituts. Deutschland begrüßt die Absicht Marokkos, in Deutschland ein Kulturinstitut zu eröffnen , und lädt den marokkanischen Kulturminister mit dem Ziel nach Berlin ein, dieses Thema und andere Angelegenheiten betreffend die kulturellen Beziehungen zu erörtern. Deutschland unterstützt Marokko aktiv bei seinen Bemühungen, das reiche Kulturerbe, bei- spielsweise die Synagogen in Fes und Essaouira und den Platz Djemaa El Fna in Marra- kesch zu schützen . Eine der wichtigsten Möglichkeiten zur Förderung des interkulturellen Dialogs ist die Ausweitung der persönlichen Kontakte. 
15. Die Minister sind sich ferner darin einig, dass eine weitere Verbesserung des Investiti- onsklimas durch die Öffnung der Märkte und die Schaffung sicherer und stabiler Investiti- onsbedingungen für die Wirtschafts- und Geschäftsbeziehungen günstig wäre. Eine verstärkte Präsenz deutscher Unternehmen könnte zu einer besseren beruflichen Bildung und zur Schaf- fung von Arbeitsplätzen in Marokko beitragen. 
Regionale und globale Angelegenheiten 
16. Der „Fortgeschrittene Status“ unterstreicht die Intensität der Zusammenarbeit zwischen Marokko und der Europäischen Union. Er zeigt, dass die Europäische Union die Bemühungen und Fortschritte Marokkos anerkennt. Marokko und Deutschland kommen überein, den ma- rokkanischen Reformprozess auch weiterhin mit allen einschlägigen Instrumenten der Europäischen Union dahingehend zu unterstützen , die in der Partnerschaft zwischen Ma- rokko und der EU festgelegten Ziele – einen gemeinsamen Werteraum und einen gemeinsa- men Wirtschaftsraum – zu erreichen. In diesem Zusammenhang unterstreichen Marokko und Deutschland die Bedeutung der Aufnahme von Verhandlungen über ein tiefgreifendes und umfassendes Freihandelsabkommen am 22. April 2013 in Rabat . 
17. Die Minister begrüßen den erfolgreichen Dialog über Migration, Mobilität und Sicherheit zwischen der EU und Marokko. Sie sind der Auffassung, dass die gemeinsame Erklärung über eine Mobilitätspartnerschaft eine wichtige Errungenschaft für die Zusammenarbeit der EU und Marokkos auf dem Gebiet der Migration ist und ein starkes Signal in die Region sen- det. Als an der Mobilitätspartnerschaft teilnehmender Mitgliedstaat beabsichtigt Deutschland, gemeinsam mit Marokko Projekte in den Bereichen Mobilität, internationaler Schutz sowie Migration und Entwicklung zu verwirklichen. 
18. Marokko und Deutschland würdigen ihre ausgezeichnete Zusammenarbeit im Rahmen der Union für den Mittelmeerraum (UfM) und der Anna-Lindh-Stiftung. Sie bekräftigen ihr Be- kenntnis zur Europa-Mittelmeer-Partnerschaft, insbesondere durch die Verwirklichung der UfM-Projekte und des Mittelmeersolarplans. 
19. Die Minister unterstreichen gemeinsam, wie wichtig die Stärkung der regionalen Zu- sammenarbeit und ein aktiver Beitrag zur friedlichen Lösung von Konflikten in der Region sind. Sie heben hervor, dass die politische Zusammenarbeit und die wirtschaftliche Integration zwischen den Mitgliedern der Union des Arabischen Maghreb verstärkt werden müssen. Sie sind der Auffassung, dass sich die sozio-ökonomische Entwicklung durch Nutzung des brach- liegenden Potenzials eines verstärkten Handels innerhalb der Region sehr günstig auf die ge- samte Region auswirken würde. 
20. Sie heben die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit und Abstimmung unter- einander und mit den Ländern der Region mit dem Ziel hervor, Sicherheit und Stabilität her- beizuführen und den Terrorismus zu bekämpfen. 
21. Deutschland würdigt die Rolle Marokkos in regionalen und internationalen Organisatio- nen, einschließlich der Arabischen Liga, bei der Suche nach friedlichen Lösungen in Syrien. Beide Länder leisten humanitäre Hilfe, um das Leid der Opfer der Konflikte in der Region zu lindern. 
22. Beide Minister beschließen gemeinsam, Mittel und Wege für eine verstärkte Zusam- menarbeit in den Vereinten Nationen zu sondieren und auf den gegenseitigen Erfahrungen mit der erfolgreichen Zusammenarbeit während der nichtständigen Mitgliedschaft Marokkos und Deutschlands im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen aufzubauen. In diesem Zusam- menhang begrüßt Deutschland die wichtige Rolle Marokkos im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und in regionalen Institutionen, vor allem in Mali, wenn es darum geht, das große Risiko von Instabilität und Unsicherheit in der Sahel-Region und darüber hinaus zu be- wältigen. Deutschland selbst bleibt – aufbauend auf seiner Mitgliedschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 2011/2012 und seiner Teilnahme unter anderem an MINUSMA und EUTM Mali – der Stabilisierung der Region verpflichtet.  
Fazit 
23. Die Minister bestätigen, dass an den regelmäßigen Konsultationen der Außenminister  oder ihrer Stellvertreter hochrangige Beamte von Ministerien, die zur bilateralen Zusammen- arbeit beitragen, teilnehmen werden. Dazu gehören Regierungsvertreter bestehender Formate der bilateralen Zusammenarbeit wie die Entwicklungszusammenarbeit, die Energiepartner- schaft und die Gemischte Wirtschaftskommission. 
24. Sie bringen ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass dieser Konsultationsmechanismus der Außenminister oder ihrer Stellvertreter die Sichtbarkeit der deutsch-marokkanischen Partner- schaft und die Kohärenz zwischen den verschiedenen Bereichen der bilateralen Zusam- menarbeit stärken wird. 
25. Abschließend unterstreichen die Minister ihren beiderseitigen Wunsch, in naher Zukunft Konsultationen abzuhalten.
QUELLE: AUSWÄRTIGES AMT

Marjam Anja Siracusa
Contessa di Villalta
Chefredakteurin
Marokko-News

 

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